High Noon in Rotterdam

Endlich ist es soweit. Das Wochenende, auf das ist seit meiner letzten Geschichte hier hingearbeitet hatte, ist angebrochen. Wir schreiben den 8. April, am 9. April werden Claudia und ich an der Startlinie in Rotterdam stehen. Auftakt beim ersten Bahntraining in Duisburg am 5. Dezember 2016, dann 4 Monate Training. Und 4 Monate, die für mich eine nie gekannte berufliche Belastung mit Arbeitswochen von 46-48 Stunden gebracht haben, die ich nur durch die vielen Trainingseinheiten glaube, bewältigt zu haben. Das berufliche Problem ist immer noch nicht gelöst, das Training genau nach Plan aber ist nun zu Ende.

Wir holen unsere Freund Yvy und Henning ab und befahren die A57 Richtung Niederlande. Es ist bewölkt und noch recht kühl, aber für morgen ist Sonne und Wärme angesagt. Claudia scheint ihren Bestzeit-Versuch mit Angriff auf die 3:40 bereits abgeblasen zu haben. Wir sprechen da nicht viel drüber, weil ich da immer eine ganz andere Strategie habe, die Strategie des Optimismus und der Überzeugung, dass es funktioniert. Leider zweifle ich im Moment ein wenig an meiner psychischen Stärke. Der Stress und die Belastung der letzten Monate hat seine Spuren hinterlassen. Körperlich müsste es reichen, davon bin ich zu diesem Zeitpunkt überzeugt. Meine Mitfahrer sind leider auch nicht so fokussiert, Henning ist da sowieso immer etwas entspannt, da er nur recht wenig und niemals nach Plan trainiert. Auch Yvy ist nicht von ihrer Fitness überzeugt. Also rede ich lieber über etwas anderes, denn ich will mich nicht herunterziehen lassen. Nach kurzem Stau sind wir angekommen, über die Fußgängerzone geht es zur Messehalle „Beurs“, wo die Startunterlagen abgeholt werden können. Das Marathon-Fieber packt einen hier, gut angeleitet haben wir keine Mühe, unsere Shirts und Startunterlagen zu bekommen. Die überschaubare aber ordentliche Messe besticht mit vielen echten Messeangeboten und guten Rabatten, dafür habe ich aber kein Auge. Wir wandern noch ein wenig durch die City, trinken Kaffee auf einer wunderschönen Dachterrasse mit Blick auf die moderne Markthalle und den Markt, wo uns die Sonne bereits kräftig einheizt. Das würde heiter werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Nerven sind relativ entspannt, zumindest, wie man das nach der monatelangen Anspannung unter der Arbeitswoche erwarten kann. Gegen frühen Nachmittag fahren wir ins Hotel am Airport „Rotterdam/The Hague“. Dort treffen wir Sven und seine Frau, er will ja auch mit Martin und mir das Rennen angehen und wir haben einige Male in Essen und Bertlich miteinander trainiert. Nach einem weiteren entspannten Kaffee auf der Hotelterrasse beschließen wir, zum Abendesssen nicht ins wusellige Rotterdam zurück zu fahren, sonder die 6 Kilometer in die andere Richtung ins historische Delft, um uns da einen Italiener zu suchen. Dies gelang im dritten Versuch, die Lokale waren auch dort bereits relativ voll. Zwischen Grachten, Brücken und dem historischen Marktplatz war es aber auch schön, kein Wunder, dass auch da so viele einen sonnigen Nachmittag mit einem leckeren Abendessen beschließen wollten. Kontrast zum Ultramodernen Rotterdam, wo seit dem letzten Weltkrieg nur noch 3 Gebäude älter als aus dem 20. Jahrhundert erhalten sind.

Die Rennoutfits hatten wir bereits am Nachmittag im Zimmer zusammengepackt, so ging es nach einem von Henning spendierten Westmalle Trappistenbier früh ins Bett. Ich schlief fest und gut, im Gegensatz zu Claudia, die sich wesentlich mehr Gedanken zu machen schien. Wir reden in diesen Mmenten nicht mehr viel über den Lauf und die Ziele, denn dafür ticken wir zu unterschiedlich. Ich zwinge mich immer zu Zweckoptimismus und versuche negativen Gedanken keinen Raum zu geben, meiner Frau gelingt das nicht so gut.

Unser Hotel bot, da der Linienbus so früh am Sontag noch nicht fuhr, einen Shuttle-Service zur Metro-Station an. Leider gab der Fahrkartenautomat dort keine Chip-Karten heraus, die als Fahrscheine dienen sollten. Nur Aufladen konnte man die Dinger. Also zwängten wir uns hinter anderen Läufern, die im Besitz solcher Karten waren, durch die Absperrung und ignorierten einmal das aufklingende Piepsen, denn die intelligenten Sperren merken das, wenn zwei statt einer Person durchgehen. Die drei Stationen schafften wir ohne Kontrolleurbesuch, auch an den Ausgangssperren am Hauptbahnhof, die wir auf dieselbe Weise durchquerten, wurden wir nicht verhaftet. Glück gehabt. Es gab ein großes Umkleidezelt mit einen „Dixihof“, wo ausreichend noch saubere Dixis für uns bereit standen. Im Zelt konnte man seine Sachen deponieren, wenn dies auf der Startnummer vermerkt war, was auch genau am Eingang kontrolliert wurde. Wir trafen uns am Start dann mit unseren Kollegen aus der Ausdauerschule. Andreas und Simone, Linda, Martin stellten zusammen mit Henning,Yvy, Claudia und mir das Aufgebot der Ausdauerschule, dazu noch Sven. Es war bereits um 9:30 Uhr recht warm in der Sonne. Ich begann ein wenig unruhig zu werden, wollte endlich in den Startblock. Mit Sven und Martin standen wir dann 1 Minuten vor dem Start im Block 1. Eigentlich sollten her die Läufer „3:15“ stehen, was auch anhand der Nummern genau kontrolliert wurde. Leider hatte man auch Firmenstaffeln dazu eingelassen, ob so vorgesehen oder nicht, mir schwante übles. Ich freute mich auf ein stimmungsvolles „You’ll never walk alone“ , traditionell zum Auftakt des Marathons von der Rotterdamer Schlagerlegende Lee Towers auf einer Hebebühne geschmettert. Als ehemaliger Kranführer im Hafen kennt der sich ja mit der Höhe bestens aus. Leider war der Lautsprecher neben uns wohl nicht richtig angeschlossen, so dass kaum ein Ton zu uns drang. Schade, ich mag solche stimmungsvollen Auftaktsongs. Egal, mit einem riesig lauten Knall aus der traditonellen Kanone wurden wir pünktlich auf die Strecke geschickt. (https://youtu.be/W0zDojdboI4) Es fiel hier bereits auf, dass einige Läufer Trinkflaschen und Rucksäcke dabei hatten. Für den Marathon in 3:15 eher ungewöhnlich, wir sollten merken, warum dies sinnvoll war. 

Schnell trabte das Feld an, leider stockte es recht schnell wieder, denn sehr viele Läufer sahen nicht nur im Vorfeld nicht nach 4:29er Pace aus, sie liefen es auch bei weitem nicht. MArtin, Sven und ich wuselten uns irgendwie durch, bereits nach knapp einem Kilometer ging es auf die recht steile Rampe zur die Erasmusbrücke über die Nieuwe Maas, die eigentlich ein Rheinarm ist. Rechts und links schossen Feuerlöschboote Fontänen in die Luft, dazu das dichtgedrängte Publikum auf den schmalen Gehwegen. Die Stimmung war schon toll. 4:29 auf dem ersten Kilometer, genau im Plan. Wo ist Sven? Martin und ich sehen uns um. Wir haben ihn bereits hier verloren. Vielleicht käme er noch von hinten, wenn nicht, wäre das schade, aber nicht zu ändern. Es geht bereits wieder hinab von der Brücke, zwischen Bürotürmen und Nieuwe Maas. Und Zuschauern ohne Ende. Aber ich bin faokussiert auf meine Uhr und mein Tempoarmband. „Zu schnell“. Der zweite Kilometer war mit 4:21 tatsächlich etwas flott, aber es ging ja bergab. Auch der dritte wird nicht langsamer, ich laufe neben Martin und eigentlich wissen wir beide, dass wir bremsen müssen. „Wir müssen jetzt Mut haben, uns überholen zu lassen. Das sind die 3-4 Sekunden zu schnell, die uns umbringen!“ So prophezeite ich es, während ich in mich hineinhorchte. Es lief und fühlte sich gut an, besser noch, als meine nervösen ersten Kilometer in Venlo 14 Tage zuvor. Aber das musste es hier auch. Wieder stieg die Straße an. Leicht, aber locker über 4-500 Meter. Es ging über eine große Gleisanlage, wir blicken schon auf das Stadion „De Kuip“ von Feyenoord Rotterdam. Endspielort der Euro 2000, Heimstadion von Feyenoord Rotterdam, die 2002 dankenswerterweise hier den Uefa-Cup-Sieg unseres Revier-Rivalen verhindert hatten. Ernst-Happel-Straat heißt das hier, nach dem österreichischen Trainer, der hier lange tätig war und die Niederlande auch mal während der WM 1978 als Bondscoach betreute. Am Ernst-Happel-Stadion in dessen Heimat Wien hatte ich vor fast genau zwei Jahren endgültig aufgeben müssen, von Krämpfen gestoppt, konnte ich nur noch langsam zuende traben. Ein schlechtes Omen? Die Brücke, das wuselige Startfeld, das warme Wetter, irgendwie erinnerte vieles an den Wien-Marathon 2015. Ich verscheuche diese üblen Gedanken, denn in Wien war es ja grandios schief gegangen.

Ich pendle mich mit Martin in einem Tempo um die 4:25 ein.“Wir müssen jetzt die nächsten 5 wirklich mal 4:29er Pace laufen“ stelle ich fest und Martin bestätigt. Wir sprechen nicht viel, ich habe aber den Eindruck, wir denken ähnlich. Kurz hinter dem Stadion der erste Wasserstand. Man ist hier recht clever und hat auf jeden der Pappbecher einen „Schwammdeckel“ mit zwei dreieckigen, kleinen Auslässen gesteckt. So schwappt nichts, man kann im Laufen trinken, ohne sich zu verschlucken und hat am Ende noch einen Schwamm, um sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Leider schmeckt das Wasser auch etwas nach PVC-Weichmacher, ob das gesund ist, sei mal dahingestellt. Praktisch ist es auf jeden Fall. Wir biegen ab und es geht wieder in eine Wohnsiedlung. Wobei das hier heißt, dass 4-8-geschossigen Wohnblocks etwa dreißig Meter vom Gehweg entfernt in einer Parkanlage verteilt sind. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein Park mit See, soweit ich das durch das Spalier der Zuschauer erkennen kann. Auch hier ist eine Menge los. Aber Schatten spendet diese „Stadtkonstruktion“ natürlich nicht und die Sonne brennt schon jetzt vom wolkenlosen Blau des Himmels über Rotterdam. Für mich ist es das erste Mal, dass ich mit jemandem gemeinsam auf Bestzeitkurs gehen darf und Martins Gesellschaft gibt mir Kraft und Zuversicht. Er ist jünger, schneller auf allen Unterdistanzen. Ich habe die Erfahrung von rund 50 Marathonläufen. Ich habe das Gefühl dass es mit uns hier gut läuft. Links ab geht es, jetzt stehen hier auch kleinere Häuser und es gibt ein wenig Schatten. Ich habe mir die Strecke auf allen verfügbaren Videos im Netz angesehen und mich vorbereitet, so weiß ich, dass es bald auf eine der typisch niederländischen „Radschnellwege“ geht und die Spur somit mit etwa vier Metern deutlich schmaler werden wird. Erst folgt jedoch noch eine recht Steile Bahnunterführung, dann haben wir Kilometer 10 erreicht. Genau 44 Minuten und damit 50 Sekunden zu schnell. Das sage ich auch an. Mit dem Bremsen hat es nicht geklappt. Wir laufen auf eine 3:08 zu. Das kann ich wahrscheinlich nicht. Martin schon, denn erläuft sehr locker und entspannt. Ich aber auch. Mein Optimismus steigt.

Vor uns sehen wir einen dichten Pulk mit zwei Fähnchen. Die 3:15er Pacer mit dem dichten Pulk der Läufer um sie herum. Prompt geht es nun auf den Radweg.  Überholen schwierig, aber wollten wir nicht ohnehin bremsen? Wir sickern langsam in den Pulk ein. Die sind für 3:15 viel zu schnell unterwegs, denn wir sind mit einer Pace von 4:27 unterwegs. 3:15 wären 4:38! 10 Sekunden sind Welten, wenn Du an der Kante Deiner Leistungsfähigkeit läufst. Ich male mir aus, wieviele von denen unterwegs „elendig verrecken“ werden und hoffe mal, dass ich nicht selbst auch bereits auf dem Weg dahin bin. Ich habe aber im Moment richtig Lust zu laufen, es macht mir wirklich Spaß, hier zwischen diesen verrückten Party-Zuschauern zu laufen. Das Tempo geht auch von alleine, auch wenn es noch gut 30 Kilometer sind. Das bedeutet nichts, also genieße ich mal den Moment. Es geht fast drei Kilometer geradeaus, rechts ein Wasserkanal, links ein Kanal. Ab und an eine Brücke zu den Wohngebieten rechts, links weites, freies Land. Und an den Brücken auch her immer wieder dichte Zuschauerpulks, die hier nicht nur stehen, sondern uns auch immer nach vorne peitschen. Unsere Namen rufen, uns einen guten Lauf wünschen, einfach  nur klatschen. Das liebe ich in den Niederlanden, der Song „Holland ist die geilste Stadt der Welt“ liegt mir im Ohr und er hat hier seine Berechtigung.

Wir haben hier, am Stadtrand, auch etwas Wind von vorne und merken nicht, dass es immer wärmer wird. Hinter einer Unterführung geht es rechts ab, 14 Kilometer sind gelaufen. Das erste Drittel. „Ging fix vorbei bis hier“ sagt Marten. „Und läuft noch, aber wäre schlecht, wenn nicht. Ist ja noch ein Stück!“ antworte ich. Noch  bin ich überzeugt, dass wir das Ding hier rocken werden. Die Pacer mit Ihren Pulks sind hinter uns, ich hoffe, sie nicht mehr zu sehen.  Wir laufen wieder auf breiten Straßen, Zuschauer auch hier wieder in mehreren Reihen rechts und links von uns. Wo kommen die ganzen Leute her? Aber der Wind, der nun von hinten kommt und nicht mehr zu merken ist, hatte gekühlt. Es fühlt sich gleich wärmer an. Wir haben kurz nach 11 Uhr am Vormittag. Dann geht es ein Wendepunktstück zu Kilometer 15 in eine Stichstraße. Plötzlich steht auf meiner Uhr nur noch 4:35. War aber wohl eine Ente, denn der Kilometer 14 wurde wieder in 4:26 abgespult. „Den Marathon verlierst Du zwischen Kilometer 5 und 15“, diese Weisheit schießt mir durch den Kopf, aber ich kann den Gedanken schnell wieder verscheuchen. Kurz hinter dem Wendepunkt kommt ein Wasserstand, endlich. Meine Kehle ist schon ziemlich trocken. Martin und ich verlieren uns kurz, haben uns aber schnell wiedergefunden.

Weiter rollt unser Express in den Wahnsinn. Auf der linken Seite wird Fußball gespielt, drei Rasen oder Kunstrasenfelder nebeneinander. „Trotzdem gucken die nächsten Sommer Fernsehen“ scherze ich mit Blick auf den schlechten Stand der „Elftal“ in der WM-Quali. Weiter geht es durch die Vororte. Hier sieht es im Umfeld der Industrie des Hafens nicht mehr ganz so schön aus, auch stehen mehr farbige unter den Zuschauern. Bald sind wir an der Halbmarathonmarke. 1:33:31, fast so schnell wie in Venlo und damit 4:25er Schnitt. Das sind 4 Sekunden pro Kilometer zu schnell auf der ersten Hälfte. Nun gut, so sei es dann und ist ja auch nicht mehr zu ändern. Es geht weiter. 4:28, 4:25, 4:29, 4:25. Aber irgendetwas wird anders. Wir laufen das Tempo weiter, werden ja auch nicht wirklich langsamer. Aber mir schwindelt leicht. Ich ignoriere das und laufe weiter. Das kurze, relativ Zuschauerfreie Stück am Maashaven liegt hinter uns, die Strecke steigt langsam an. Rechts der Straße ein Grünstreifen. Mir sackt irgendwie ein Knie durch, ich sehe etwas verschwommen. Was ist das? Instinktiv orientiere ich mich Richtung Grünstreifen in der Fahrbahnmitte. Dann sackt mein rechtes Bein durch, ich taumele und gehe auf der Wiese zu Boden, lege mich so gerade noch auf den Rücken. Kilometer 24,5, das wars? Plötzlich und unerwartet umgefallen. Martin kommt zurück. “Was ist?“ „Lauf, geht schon. Ich komme nach!“ Ich habe mich auf dem Rücken liegend schon gecheckt und merke nicht viel. Es dreht sich ein wenig, aber mir ist nicht schwarz vor Augen. Ich habe nirgendwo Schmerzen oder Atemnot. Ich versuche aufzustehen und zu gehen. Es geht, Ich trabe wieder an. Ein Blick zur Uhr sagt mir, dass ich nicht viel verloren haben kann, die Zeit auf der Wiese konnte ich nicht einschätzen. Martin sehe ich nicht mehr, aber es geht auch um eine Ecke wieder langsam auf die Erasmusbrücke zu.

Sollte es das gewesen sein? Nein, nun eben alleine weiter. Martin würde die 3:08 zu Ende bringen, davon war ich hier überzeugt. Den Kilometer 26 bin ich wieder bei 4:31, von alleine und das würde noch reichen. Aber was war das für ein Anfall? Schon wird mir wieder schummerig, diesmal gehe ich rechteitig in die Hocke auf der Wiese neben der Straße, die bereits langsam zur Brückenrampe ansteigt. Ich muss mich aber wieder auf den Rücken legen. Eine Frau aus den Zuschauern ist sofort bei mir, ich bedanke mich und sage „I’m ok, thank you!“ Erst hier fällt mir auf, dass beim ersten „Umfaller“ außer Martin keiner der Zuschauer das wahrgenommen zu haben schien. Toll! Es dreht sich wieder etwas im Himmelüber mir. Jetzt bin ich überzeugt, dass es das war. Das gesamte Training des Winters für die Katz, Wien vol. 2. Was tun? Aussteigen wäre die einzige Lösung, denn wie oft will ich noch umkippen? Ich stehe langsam auf und checke mich, das dauert jetzt erheblich länger als beim ersten Mal. Aber ich habe den klaren Kopf, mich noch vor Alternativen zu stellen. In 14 Tagen wäre der Hamburg-Marathon, wenn ich hier herausginge, hätte ich dort noch einen Versuch! Ich gehe die Strecke entlang und trabe wieder an, denn zum Ziel muss ich ohnehin etwa 2,5 Kilometer die Strecke entlang. Die Zeit ist jetzt vorangeschritten, es würde jetzt knapp mit den 3:10. Etwa 35-40 Sekunden muss das Ganze gedauert haben. Ich laufe langsam die Brückenrampe hinauf. Meine Psyche ist im Moment sehr angespannt, das schrieb ich ja schon. Es wäre verheerend, diese jetzt mit so einem Ausstieg zu belasten. Aber die Kraft, noch 14 Tage zu trainieren und die Spannung bis Hamburg hoch zu halten, sehe ich nicht mehr in mir. Mir tut nichts weh, der Schwindel ist wieder verflogen. Ich beschließe, die 30 Kilometer abzuwarten und meine Beine so lange ohne Blick auf die Uhr laufen zu lassen, was sie wollen. Dann könnte ich immer noch aussteigen. Ich trinke mein Energy-Gel bei Kilometer 27, die Flüssigkeit scheint mir gut zu tun. Ich sehe klar, mir tut nichts im Arm oder Kopf oder Brustbereich weh. Das Risiko, weiter zu laufen, scheint überschaubar für ich. Ich denke an den Toten von Venlo, der das auch gedacht haben mag und bin hin und hergerissen. Die Zuschauer, die auch hier einen Höllenlärm machen und wieder dicht an dicht an der Strecke stehen, nehme ich hier kaum wahr. Eine Mischung aus Frust und Trotz bemächtigt sich meiner. 4:26, aber das war bergab die Brücke hinunter. Das Tempo halte ich nicht, 4:43, 4:51, wie ich später sehe, denn hier sehe ich nicht auf die Uhr. Ich glaube noch einmal einen Schwächeanfall zu spüren, lehne mich kurz gegen an Trafohäuschen am Rande der Strecke. Aber das ist schnell vorbei, ich bin am 30er-Bogen und blicke wieder auf die Uhr. Knapp 2:15 Stunden sind durch. Das hieße, wenn ich so weiterlaufe, bliebe ich unter 3:15. Damit will und kann ich leben.

Mein Kampfgeist erwacht wieder, ich werde das hier durchziehen. Seltsamerweise bin ich nun nicht mehr frustriert. Ich bleibe nun am Getränkeosten stehen und trinke den ganzen vollen Wasserbecher aus, nehme eine Salztablette dazu. Das scheint Wirkung zu zeigen. Auch wenn es immer wärmer wird, es ist ja zwanzig nach zwölf. High Noon in Rotterdam. Uns kommen Läufer auf der anderen Gegenspur entgegen, hier treffen sich die Routen kurz, drüben ist km 40 und naturgemäß noch nicht viel los. Die ich da sehe laufen um die 2:20-2:25. Wir biegen ab und haben eine große Runde um einen See mit Wald drumherum zu absolvieren. Ich horch noch einmal in mich, immer noch tut mir nichts weh und das Laufen fällt mit noch relativ leicht. Ich überhole auch wieder. Das macht Mut. Ich lasse mich laufen, will aber nichts mehr zwingen.  Hier wird es erstmalig ruhiger, aber auch schattiger Einzelne Trainer oder Radbegleiter feueren hier ihre Schützlinge an, sonst hat sich hier kein Zuschauer hin verlaufen. Aber es ist wunderschön. Das zarte grün der Blätter riecht frisch, ich laufe und sauge tief die Luft ein. Der Schwindel ist nun schon 3 Kilometer nicht ehr zurückgekommen. 4:33 laufe ich Kilometer 33, aber ich bekomme wieder Angst. Lieber langsamer bleiben. Es sind zwar nur noch 9 Kilometer, aber man fällt nicht grundlos um. Ein Ausfall im Büro wäre ebenso fatal, von einem ernsthaften gesundheitlichen Schaden ganz zu schweigen. Ich hoffe und glaube aber auch zu wissen, dass auch Claudia hier nichts zwingen wird. Es ist einfach zu warm heute. Zumindest laufen sich Zeiten von 4:45 bis 4:50 nun von alleine.

Bei Kilometer 35 sind wir aus dem Wäldchen raus, eine Tankstelle markiert den nun wieder von Zuschauern gesäumten Weg. Ich trinke wieder einen ganzen Becher am VP und schütte mir den zweiten über den Kopf, trinke mein letztes Gel und laufe weiter. 2:38 und irgendetwas, 36 Minuten bis zur 3:15 und noch 7 Kilometer. Reicht locker, denke ich  mir. Ich erkenne viele Läufer wieder, die am Rande stehen oder langsam gehen. Sie sind aus den 3:15er Gruppen, die in der ersten Hälfte völlig überpaced haben. So schlecht bin ich also noch nicht. Ich laufe weiter. Links stehen einige „Sozialwohnungen“, Villen mit Blick auf den See zu unserer Rechten. Auch hier aber stehen die Leute vor den Häusern und machen Party. Ich höre plötzlich die Stimme von Lee Towers, „You’ll never walk alone“. So dröhnt es vorne an der Ecke aus den Boxen. Ja, alleine läuft oder walkt man hier niemals. Ich denke an die Bedeutung dieses Songs, an das Denkmal beim FC Liverpool für die Opfer der Hillsborough-Katastrophe. An das Begräbnis von Robert Enke, wo der Song auch eine Rolle spielte. Komische Gedanken, aber die mahnen mich, nicht zu beschleunigen und weiter in  mich zu hören. Gänsehaut irgendwie.

Dann beginnt der Gegenverkehr und ich höre meinen Namen. Das ist hier nicht ungewöhnlich, denn der steht vorne groß auf meiner Startnummer. Hinten dann ist die Nummer groß zu lesen. Aber ich kenne die Stimme und sehe soeben noch Yvy und Claudia. Die sind gut 8 Kilometer hinter mir, laufen aber noch recht rund. Ich bin beruhigt und arbeite miich weiter. Schnell vergehen die Kilometer und schon habe ich die 41 erreicht. Es geht um eine Rechtskurve, auf die Ölfässer zu, die zu einem Denkmal inmitten der Straße aufgestapelt scheinen. 3:08, ich habe 7 Minuten für 1200 Meter. Das sollte reichen, ich muss mich nicht beeilen. Eine große gelbe Linie mit der Zahl 1000 auf der Straße markiert die letzten 1000 Meter, dann geht es vor den „Ölfässern“ auf die Zielgerade. Ich laufe, fühle ich, als hätte ich Flügel. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, bin gesund und voller Freude auf das Ziel, voller Stolz auf die doch noch gelaufene Zeit. Schon zweihundert Meter vor dem Ziel reiße ich die Arme hoch und bleibe kurz stehen, um mit den Zuschauern zu feiern, dann laufe ich noch einmal los. Mit lauten „Jaaaa,jaaaa“ rufen durchlaufe ich den Zielbogen und gehe in die Knie. Meine Fäuste trommeln auf die Straße, eine 3:13 steht auf meiner Uhr. Damit hätte ich auf der Brücke nicht mehr gerechnet. Schnell ist ein Sanitäter bei  mir, ich winke ab und setze mich an die Bande.

 Natürlich bin ich fertig, sicher auch am Ende meiner Kräfte. Und meine Zielzeit habe ich um gut 4 ½ Minuten verpasst. Aber ich bin zwei Mal umgefallen, zwei Mal aufgestanden und weiter gelaufen. Ich habe eine Entscheidung treffen müssen, und die fühlt sich nun verdammt richtig an. Mein Ego ist bestätigt, ich bleibe ein Kämpfer. Was sind da 4 Minuten? Wir waren 4 Sekunden zu schnell pro Kilometer, der Beginn war wuselig und kraftraubend. Es gab für mich zu wenig Wasser für die Wärme, wahrscheinlich hatte ich eine Art Sonnenstich  mit ersten Anzeichen einer Dehydrierung. Es ist nun alles Egal, mir geht es gut im Ziel, der Zieleinlauf war wunderbar, die Zeit zumindest noch respektabel. Meine viertschnellste Zeit überhaupt. Das hätte ich ohne den harten Trainingsplan nicht geschafft, also war es nicht vergebens. Auch damit muss man sich anfreunden können. Es wird keinen neuen Versuch in Hamburg geben. Dort werde ich mein Bestes geben, Lauffreund Dominic unter 3:30 zu ziehen. Und darauf freue ich  mich.

Martin hat überraschenderweise das Tempo nicht halten können, er war „nur“ zwei Minuten vor mir im Ziel. Das ist schade, aber dennoch eine große Leistung und eine neue persönliche Bestzeit für ihn. Ich bin überzeugt, gemeinsam hätten wir das geschafft. Sven hatte uns nach dem Start aus den Augen verloren und konnte unseren Überholmanövern nicht folgen. Er bekam leider Magenprobleme und musste des öfteren eins der blauen Häuschen aufsuchen. Seine Zeit war daher mit 3:40 für ihn nicht mehr interssant, dennoch hat auch er sich durchgekämpft. Und Claudia? Nun, Yvy uns sie verloren sich irgendwo bei 35 km an den Getränken, sie und Henning haben mit 3:49 bzw. 3:55 neue Bestzeiten aufgestellt, auch wenn Yvy ihr Ziel, mit Claudia unter 3:40 zu laufen, aus den Augen verlieren musste. Claudia kam in einer 3:50 ins Ziel, hatte auch Probleme unterwegs, musste sich übergeben. Ihr Ziel hatte sic angesichts der Temperaturen schon vorher aufgegeben. Schade, aber wohl richtig.

Im Ziel war es dann noch relativ weit zu den ersten Getränkeständen, man versuchte das ein wenig zu heilen, indem Helfer mit Tabletts voller Becher den Läufern entgegen kamen. Die waren aber schnell leer. Irgendwann traf ich Sven, dann endlich konnte ich Claudia in die Arme nehmen. Wir nahmen unser „Scheitern“ beide relativ leicht. Es ging heute nicht, so war es halt. Schnell hatten wir entschieden, dass es in Frankfurt Ende Oktober den nächsten Versuch geben würde.

„Walk on, walk on through the wind, walk on through the rain. Though your dreams be tossed and blown. Walk on, walk on, with hope in your hearts. And you’ll never walk alone….“

 

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